Zentrum

Entstehungsgeschichte oder Vom Keller zum Modellprojekt

Die mutmachende Geschichte eines Beratungszentrums

Aphasiker-Zentren gibt es heute in fast jedem Bundesland. Ende der 1980er Jahre jedoch waren Betroffene und Angehörige weitgehend auf sich alleine gestellt, vereinzelt auch in Selbsthilfegruppen organisiert. Am 5. Dezember 1989 sollte sich dieser Zustand mit der offiziellen Einweihung des ersten Aphasiker-Zentrums durch Hannelore Kohl, damalige Präsidentin des Kuratoriums ZNS, schlagartig ändern.

Die Wurzeln des Würzburger Zentrums (AZU) reichen bis in die Aphasiker-Selbsthilfebewegung: 1972 erleidet der Jurist Dr. Erich Rieger nach einem Reitunfall eine schwere Aphasie. Auf der Suche nach Menschen, die das gleiche Schicksal teilen, gründet er 1981 die erste Aphasiker-Selbsthilfegruppe in Würzburg, die sich zunächst in seinem Keller trifft. Da therapeutische Angebote zu dieser Zeit noch dünn gesät sind, wird schnell deutlich, dass neben Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Unterstützung in der Gruppe auch psychosoziale Angebote dringend erforderlich sind. Mit der Hilfe ehrenamtlicher Förderer und Unterstützung aus der Politik –u.a. durch die damalige Staatsministerin Barbara Stamm– wird im Dezember 1989 das erste Aphasiker-Zentrum in Deutschland eröffnet. Die Räumlichkeiten in der Würzburger Theaterstraße dienen als Anlauf- und Beratungsstelle sowie Begegnungsstätte für Aphasiker und deren Angehörige. Der Modellcharakter des Zentrums wird zur bundesweiten Nachahmung empfohlen. Die Betroffenen selbst bezeichnen diese Einrichtung in der Folge oft als ihre „zweite Heimat“, in der sie sich nicht verstecken müssen, sondern „einfach so sein können, wie sie gerade sind.“

Von Anfang an wurde Wert darauf gelegt, auch Betroffene an der Zentrumsarbeit zu beteiligen, um ihnen wieder Mut, Selbstwert und das Gefühl zu vermitteln, integriert zu sein. Dies geschah anfangs vor allem durch Leitungsfunktionen in Klein- und Selbsthilfegruppen. Durch die gesicherte Finanzierung der Personalkosten im Rahmen der „Offenen Behindertenarbeit (OBA)“, einer Fördermaßnahme, die vom Freistaat Bayern und vom Bezirk Unterfranken bis heute getragen wird, wurde es ab Juli 1993 auch möglich, Psychologen und Sozialpädagogen hauptamtlich einzustellen. Damit konnte das Beratungs- und Gruppenangebot professionalisiert und um innovative Projekte sowie um Seminare für Betroffene und Angehörige erweitert werden. Das Highlight aus dieser Zeit ist jedoch der „3. Internationale Aphasie-Kongress“, der zusammen mit dem Bundesverband Aphasie ausgerichtet wurde und aus dem die „Würzburger Aphasie-Tage“ hervor gingen.

Aufgrund der wachsenden Nachfrage nach Beratung und Unterstützung der Umzug in größere Räumlichkeiten in den Würzburger Stadtteil Grombühl, in dem sich das Zentrum bis zum heutigen Tag befindet. Die offizielle Einweihung erfolgte am 7. Februar 1997 unter der Schirmherrschaft des Schauspielers Günther Strack, der aufgrund eines Schlaganfalls selbst von Aphasie betroffen war. Zeitgleich wurde in Absprache mit dem Bezirk die Zielgruppe um Menschen mit Schlaganfall und anderen erworbenen Hirnschädigungen auch ohne Aphasie erweitert. Neben der Aufstockung der bestehenden Angebote lag der Tätigkeitsschwerpunkt im Ausbau der wohnortnahen Versorgung. Bis 2002 konnten unterfrankenweit 15 ehrenamtlich geleitete Selbsthilfegruppen „Aphasie & Schlaganfall“ ins Leben gerufen werden. Parallel dazu entstanden hauptamtlich geführte Außenstellen in Schweinfurt (1991), Aschaffenburg (2000) und Bad Neustadt/Saale (2002).

Im Dezember 2001 übergibt Dr. Erich Rieger nach zwölfjähriger Tätigkeit seine Funktion als ehrenamtlicher Geschäftsführer des Zentrums an den Psychologen Thomas Hupp. Im gleichen Jahr eröffnet das AZU seine Internetpräsenz unter der Adresse www.aphasie-unterfranken.de und bietet fortan Urlaubsmaßnahmen für Aphasiker mit Reisezielen z.B. in Frankreich, Dänemark, Italien und Spanien an. Zudem rückt in den folgenden Jahren die Vernetzung mit anderen Einrichtungen verstärkt in den Vordergrund, aus der sich in der Folge u.a. innovative Projekte entwickeln (z.B. die Entwicklung eines Chatroom für Aphasiker in Kooperation mit der RWATH Aachen, das Projekt IBRA zur beruflichen Wiedereingliederung von Aphasikern in Zusammenarbeit mit dem Berufsförderungswerk Nürnberg und der Kiliani-Klinik Bad Windsheim etc.). Im Mai 2010 eröffnet das Zentrum in Kooperation mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ein Schlaganfall-Büro für Unterfranken. Insgesamt werden derzeit unterfrankenweit über 3.000 Betroffene und Angehörige von den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern in Selbsthilfe- und Kleingruppen sowie in Einzel-, Paar- und Familiengesprächen betreut und beraten.

Diese Geschichte macht deutlich, was einzelne Betroffene, Ehrenamtliche und die Selbsthilfebewegung bewirken können. Damit ist sie gleichzeitig eine „Mutmachgeschichte“ – besonders für Betroffene und Angehörige, die sich angesichts der Krankheit mit Resignation und Hoffnungslosigkeit konfrontiert sehen. Für alle, die meinen, dass ein Leben mit chronischer Krankheit oder Behinderung nicht mehr lebenswert sei.


Zielgruppen
Heute verstehen wir uns als psychosoziales Beratungs- und Dienstleistungszentrum sowie als Begegnungsstätte für Menschen mit erworbener Hirnschädigung, insbesondere Aphasiker, und deren Angehörige in Unterfranken.
Zusätzlich richten sich unsere Angebote an die Leiter von Aphasie- und Schlaganfall-Selbsthilfegruppen in der Region sowie an alle, die mit der Therapie, Pflege und Rehabilitation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung betraut sind.

Gesellschafter
Juristischer Träger des Zentrums ist die Aphasiker-Zentrum Unterfranken gGmbH. Die Gesellschafter dieser gemeinnützigen Einrichtung sind

  • Gesellschaft für Aphasie und Schlaganfall Unterfranken e.V. (Würzburg)
  • Bayerischer Landesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V. (Bad Tölz)

Verwaltungsrat
Der Verwaltungsrat des Aphasiker-Zentrums Unterfranken hat beratende Funktion gegenüber den Gesellschaftern und dem Geschäftsführer und ist zudem Kontrollinstanz hinsichtlich der Geschäftsführung.
Er besteht aus 11 Mitgliedern und setzt sich zusammen aus je einem Vertreter

  • der Krankenkassen,
  • des Landesversorgungsamtes,
  • der Rehakliniken in Unterfranken,
  • der Neurologischen Kliniken in Unterfranken
  • der IHK Würzburg-Schweinfurt,
  •  des BRK-Bezirksverbandes Unterfranken,
  •  der unterfränkischen Landkreise,
  • der unterfränkischen kreisfreien Städte,
  • des Bezirks Unterfranken sowie
  • zwei im sozialen Bereich Unterfrankens engagierten Persönlichkeiten